TOUR DES TEXTES ist ein kollaboratives Stipendiat*innen-Programm in Kooperation mit den MÜNCHNER THEATERTEXTER*INNEN und dem NEUEN INSTITUT FÜR DRAMATISCHES SCHREIBEN, Berlin.

Im Laufe eines Jahres haben insgesamt sechs Stipendiat*innen die Möglichkeit, ein Textprojekt zu entwickeln und dieses in regelmäßig stattfindenden Workshops in München, Wien und an der Summer School Südtirol vorzustellen. Auf diesem Weg wird eine nachhaltige Entwicklungs- und Austauschmöglichkeit zur Textentstehung geschaffen.
Begleitet wird das Programm von einem Lesungs- und Diskursformat. Dabei präsentieren die Autor*innen ihre aktuellen Arbeiten und diskutieren ästhetische, inhaltliche wie politische Fragestellungen.
Erste Station der Tour des Textes war vom 24. – 27. Jänner 2021 „in München“ – Pandemie bedingt findet der Workshop im virtuellen Raum statt. Von 8. – 11. April 2021 war die Tour virtuell in Wien.
Der dritte und letzte Teil wird im Rahmen der Summer School Südtirol von 18. – 23. Juli 2021 stattfinden.

Stipendiat*innen: Liat Fassberg, Jan Geiger, das Duo Barbara Kadletz & Ursula Knoll, Miriam V. Lesch, Dana Linssen und Denijen Pauljevic
Workshopleitung: Raphaela Bardutzky, Maxi Obexer, Theresa Seraphin, Bernhard Studlar

Über die Stücke

Liat Fassberg: „Bacha Posh“ (AT)

Bacha Posh ist eine aus der Kanun-Kultur stammende kulturelle Praxis, die (unter verschiedenen Namen) vor allem in den Balkanländern und in Afghanistan zu finden ist, in denen weiblich-geborene Personen es auf sich nehmen (entweder freiwillig oder unter Zwang), ihr Leben als Männer zu leben. Auch wenn diese Praxis oft mit Gefühlen von Freiheit und Möglichkeiten verbunden ist, haben viele Menschen, die als Bacha Posh leben, beschrieben, dass ihre prägenden Jahre von Verwirrung und Einsamkeit geprägt waren, während sie versuchten, sich an einen neu-en und fremden Lebensstil anzupassen. In Bacha Posh (AT) versucht Liat Fassberg, dieses kulturelle Phänomen zu erforschen, um sich mit Fragen und Themen wie Sozial- und Geschlechterrollen, Geschlechterwahrnehmung, Patriarchat und kulturelles Überleben auseinanderzusetzen.
In Schreibprojekten wählt Liat Fassberg häufig Themen von sozialer, historischer und politischer Relevanz aus und beschäftigt sich mit Fragen der Repräsentation, der Geschichtsschreibung, der Menschenrechte sowie mit der Rolle der Vielfalt der Perspektiven bei der Bildung eines Weltbildes und des Konzepts von „Wirklichkeit“. So verzichtet Fassberg auf klassische Figuren und sucht nach alternativen Erzählformen, die die Komplexität des Geschichtenerzählens, der Sprache und der Darstellung hervorbringen.

Jan Geiger: „Eisbären“ (AT)

“Lucretias Plead for Justice – and one other Story“
In Brittens Oper bringt sich Lucretia nach der Vergewaltigung um.
Was, wenn sie die Welt der Oper verlässt, in der die Frau sich zu Tode singt, und Gerechtigkeit verlangt? Ist es eine gute Idee, den Prinzen Roms anzuzeigen? Marias Geschichte ist die Frage nach Gerechtigkeit: Als wichtige Zeugin und Betroffene erreicht sie eine Verurteilung eines mächtigen gut vernetzten Mannes.
Welchen Preis zahlt sie für ihre Suche nach Gerechtigkeit? Ihre wahre Geschichte wird als Oper erzählt, als Leidensweg einer störrischen Frau, die sich weigert unterzugehen.
Anm: content warning des Autors: Der Text setzt sich mit sexualisierter Gewalt auseinander

Aus dem Stück:
“Der Missbrauch, das kenne ich alles, habe ich alles im Kopf verarbeitet. Und mir kann auch niemand was, kenn’ ich alles.
Du merkst, du wirst benutzt. Und das ist okay, ich wollte ja benutzt [vor Gericht] sein, ich wollte ja was ändern. Nur jetzt sind wir bei dem: passiert das? nein, nicht. Ich habe fünf Jahre meines Lebens dran [verloren]. Wir sind es gewohnt, dass wir Dinge, die uns extrem belasten, wegpacken. Sonst könnt ich gar nicht leben. Also das geht so tief und die Wut wird so groß, auch weils mir eben so ernsthaft ist, und zwar gar nicht mehr wegen mir, wegen des Missbrauchs, sondern, dass so viel Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft existiert. Je mehr ich nachdenke, desto tiefer gehe ich rein, es ist nicht mehr die Sache, aber diese Emotionalität, die da kommt, die frisst sich deinen Körper, und die macht was mit meinem Körper, dass ich anfang zu heulen. Ich kann teilweise nicht mehr rausgehen um mit Leuten zu reden, weil ich das Gefühl habe ich kann nicht mehr “hallo” sagen.“

Barbara Kadletz & Ursula Knoll: „Falten im Anthropozaen“ (AT)

Die „Bella Ciaos“, Schlagerstars jenseits der 80, touren unablässig durch Österreich, betreut von einer Pfle-gerin. Ihre Altersarmut macht ihnen Beine. Ein anstrengendes, aber effizientes Modell der Altersversorgung. Wären da nicht die Demenz der Pflegerin, das Aktienzocken eines Bandmitglieds, der Energiehunger der globalen Weltwirtschaft und die Narrenfreiheit des Altwerdens.

Aus dem Stück:
„Weil du musst ja dann da vorne stehen und alles weglächeln und dabei den Ton halten. Das geht auf die Kondition, und auch wenn man mir das nicht ansieht, die Spannkraft, so wie früher, hab ich halt nimmer, da irgendwen auch noch mitzuschleppen, durch die Sechzehn-Stunden-Arbeitstage hindurch, weil das kostet schon, am Puls der Zeit zu sein, dauernd. Andere aus meiner Generation, die liegen auf Kreuzfahrtschiffen herum, lassen ihre Abwässer und Körperflüssigkeiten in den Hafenstädten dieser Welt.“

Miriam V. Lesch: „Wald“ (AT)

Bevor Europa Europa wurde, war es einfach nur Wald. In ihrem Text „Wald“ setzt sich Miriam V. Lesch poetisch und spielerisch mit der Idee einer Rückeroberung Europas durch den Wald auseinander und macht es sich zur Aufgabe kulturelle verankerte Vorstellungen von Natur auszuloten.

Aus dem Stück:
„Notiz an das Publikum: Sie sollten mal, wenn sie dann zu Hause sind und Zähne putzen oder
vielleicht noch ein Glas Wein trinken, oder auch in der U-Bahn, falls sie allein unterwegs
sind oder nicht allein, aber keine Lust mehr haben sich zu unterhalten, da sollten Sie dann
mal „Überwallung“ googlen. Sie können ihr Smartphone rausnehmen und ohne unhöflich zu
sein sagen, ich google nur mal rasch, wovon die da die ganze Zeit geredet haben, in diesem
Stück da. Es ist nämlich wirklich faszinierend.“

Dana Linssen: Burning Conscience (AT)

Denijen Pauljevic: „Das Schneckengrabhaus. Die Landeshauptstadt ist ein Raubtier“ (AT)

Die Stadt München möchte Ramisa nicht mehr haben und macht dort weiter, wo die Neonazis und der Bürgermeister in Belgrad aufgehört haben. Ramisa, eine Romni aus Serbien, ehemalige angehende Lehrerin,
soll zurück in ihre Heimat gehen. Überwältigt von ihrer Wut, ihrem letzten Antrieb, wandert die junge Frau ziellos durch die Stadt. Der Friedhof, auf dem sie einen Ein-Euro-Putzjob verrichtet, könnte ihre Zuflucht werden.
Die Geschichte über eine Frau aus einem vielfältigen Europa, die auf ihrem Weg verschiedene Grenzen überschreiten muss.

Aus dem Stück:
Ich werde diese Stadt niederstechen und verbluten lassen. Und wenn die Stadt fällt, werden die Häuser stehen bleiben. Aber die Menschen gehen. Sie verlassen die Straßen, wie Tropfen und Rinnsale, ohne Hast, ohne Emotion, bis alles verstummt.
Man kann niemandem trauen. Am wenigsten einer Gemeinschaft, die behauptet, für alle, wirklich alle, da zu sein.

Über die Kooperationspartner*innen

Das NETZWERK MÜNCHNER THEATERTEXTER*INNEN hat sich die Förderung zeitgenössischer Theatertexte und ihreR AutorInnen zur Aufgabe gemacht.
Durch Workshops, Textwerkstätten und Lesungen bildet es eine Plattform zum Austausch und zur Vernetzung von AutorInnen und Theaterschaffenden. Zentral hierbei ist die Diskussion unterschiedlicher Textformen von Dramatik, über poetische Verdichtung bis hin zu Textflächen. Im Fokus stehen aber ebenso die verschiedenen Produktionsweisen von Theatertexten in Projektentwicklungen, dokumentarischen Recherchen oder kollektiven Arbeitsprozessen. Ziel ist die konzentrierte Auseinandersetzung mit Theatertexten sowie die deutliche Sichtbarmachung des Theatertextes als einem wichtigen Ausdrucksmedium gesellschaftsrelevanter Fragen mit ganz eigenen Mitteln.

Das NEUE INSTITUT FÜR DRAMATISCHES SCHREIBEN wurde 2014 von Maxi Obexer und Sasha Marianna Salzmann mit dem Ziel gegründet, die gesellschaftliche Bedeutung der Dramatischen Künste wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und eine Kunst zu stärken, deren ursprüngliche Funktion es ist, eine Kultur der Auseinandersetzung zu führen. Wir streben die öffentliche Debatte über diese Kunst an, ebenso wie ihre Vermittlung und Lehre. In Symposien, Werkstätten, Sommer- und Winterakademien soll es darum gehen, eine neue künstlerische und theoretische Auseinandersetzung zu führen, in der auch politische, philosophische und gesellschaftsrelevante Inhalte zur Debatte stehen.